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Das neue Sitzpolster-Projekt

July 11, 2023

Als Radfahrer hast du das Thema Fahrradsättel und Unbehagen wahrscheinlich schon oft gehört. Ungewöhnlich ist, dass es Radfreunde und Nicht-Radfahrer gleichermaßen interessiert – Letztere vor allem deshalb, weil sie faszinierend finden, wie der moderne Radsport Produkte entwickeln kann, die dich scheinbar noch unbequemer sitzen lassen!

Und das ist kein neues Thema. Ein berühmter „Yellow Pages“-TV-Spot aus Großbritannien aus der Mitte der 80er blieb einer ganzen Generation mit dem Satz im Kopf: „Dieser Sattel ist, als würde man auf einer Rasierklinge sitzen“ – die Reaktion eines Vaters, nachdem er seinem Sohn ein „modernes“ Rennrad gekauft hatte.

So ist die Vorstellung, dass man beim Radfahren ein gewisses Maß an Unbehagen einfach akzeptiert, keine ungewöhnliche Außenwahrnehmung – besonders im leistungsorientierten Radsport, wo scheinbar alles auf der Suche nach Gewichtsvorteilen reduziert wird. Und warum sonst würden Radfahrer gepolsterte Shorts tragen, wenn es keinen Bedarf an Schutz und Unterstützung gäbe?

Mountainbike-Profi Jenny Rissveds vom Team 31 bei einer Testsitzung im Labor.

Zum Glück ist dieses Bild, wie in der TV-Werbung, längst am Verblassen. Viele moderne Sättel und Shorts mit Polster (auch als „Chamois“ bekannt) sind hervorragend und bieten dir starken Support auf kurzen wie langen Fahrten und bei unterschiedlichen Einsatzbereichen, etwa auf dem Mountainbike oder dem Rennrad.

Dazu kommt: Sättel sind heute in der Regel breiter, flacher, geschlechtsspezifisch, mit druckentlastenden Kanälen ausgestattet und auf eine bestimmte Aktivität ausgerichtet.

Das ist besonders wichtig, denn dein Gesäß ist der wichtigste Kontaktpunkt zum Rad. Hände und Füße sind die beiden anderen.

Der entscheidende Unterschied: Hände und Füße eines Radfahrers können sich frei bewegen. So kannst du Spannungen leichter lösen oder dich strecken. Natürlich kannst du dich auch im Sitzen bewegen. Doch weil eine optimale Trettechnik eine stabile Position erfordert, wird sie ganz natürlich statischer und Druck kann sich leichter aufbauen.

Genau hier zeigt ein gutes Polster seine Stärke. Es macht sofort klar, warum es ein so wichtiger Teil deiner Radsportbekleidung ist und warum wir so viel Zeit in die Erforschung von Polstermaterialien und ihrer Platzierung investieren.

Linn Gustafzzon, professionelle Mountainbike-Fahrerin, berücksichtigt die Daten während der Tests.

Jenny Rissveds spricht mit den Bekleidungsexperten von POC über Tests und die Platzierung des Sitzpolsters.

Wenn du tiefer in Forschung und Tests eintauchst, zeigt sich ein klareres Bild. So bestätigen die Daten zum Beispiel, dass Frauen in der Regel 10–20 mm breitere Sitzknochen haben und dass Sättel mit Aussparung zu einem höheren Druck im vorderen Bereich des Sattels führen als Sättel ohne Aussparung.

Um mehr herauszufinden, haben wir weiter geforscht – vor allem zum tatsächlichen Druckunterschied mit oder ohne Pad, zum Unterschied zwischen weichen und harten Sätteln, dazu, ob die Sitzposition einen Unterschied macht, und zu den Unterschieden zwischen Pads für Frauen und Männer.

Unsere Forschung soll informieren und die Druckverteilung bei unterschiedlichen Fahrern und Sätteln besser verständlich machen. Das führt direkt zu einer verbesserten Pad-Konstruktion und Performance.

Durchschnittliche Druckkartierung bei Frauen in Unterlenker- und Griffposition, mit und ohne Pad. Durchschnittliche Druckkartierung bei Männern in Unterlenker- und Griffposition, mit und ohne Pad.

Einige Erkenntnisse aus unserer Forschung zeigen interessante Aspekte, vor allem, dass Polster dabei helfen, Druck zu verteilen. Wo dieser Druck entsteht, hängt jedoch stark von dir als Person ab, also von Geschlecht, Sitzknochenbreite, Fahrstil sowie weiteren anatomischen Merkmalen.

Wir sehen, dass Männer im Allgemeinen weniger Druck auf den vorderen Teil des Sattels ausüben als Frauen. Das zeigt sich in verschiedenen Positionen (drops v's hoods), unabhängig davon, welches Polster oder welcher Sattel verwendet wird. Unsere Forschung hat außerdem gezeigt, dass sich bei Hobbyradfahrern die Druckverteilung durch die Position (drops v's hoods) und die Wahl des Polsters deutlich verändert.

Interessanterweise zeigen die Erkenntnisse, dass Profi-Fahrer unabhängig von ihrem Pad eine ähnliche Druckverteilung beibehalten. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Druck selbst ohne Pad gleichmäßig verteilt wird. Das zeigt, dass Technik, Körperposition und Training entscheidend sind, um Komfort und Performance langfristig zu optimieren.

Wir können nicht alle Profi-Fahrer werden. Aber unsere Forschung zeigt: Wenn du ein gut entwickeltes Pad wählst, das zu deinem Fahrstil passt, sitzt du einfach besser.

Referenzen

Der Artikel zu Sätteln mit Aussparung:

• Rodano, R., Squadrone, R., Sacchi, M. and Marzegan, A., 2016. Saddle pressure distribution in cycling: comparison among saddles of different design and materials. In ISBS-Conference Proceedings Archive.

Die Artikel zur Sitzknochenbreite:

• Potter, J.J., Sauer, J.L., Weisshaar, C.L., Thelen, D.G. and Ploeg, H.L., 2008. Gender differences in bicycle saddle pressure distribution during seated cycling. Medicine & Science in Sports & Exercise, 40(6), pp.1126-1134.

• Sauer, J.L., Potter, J.J., Weisshaar, C.L., Ploeg, H. and Thelen, D.G., 2007. Influence of gender, power, and hand position on pelvic motion during seated cycling. Medicine and science in sports and exercise, 39(12), p.2204.

• Chen, Y.L. and Yang, P.J., 2016. A preliminary study of the measurement of external ischial tuberosity width and its gender differences. Journal of physical therapy science, 28(3), pp.820-823.

• Chen, Y.L., 2021. Changes in external ischial tuberosity width at varying trunk–thigh angles between sexes using two measurement methods. Scientific Reports, 11(1), p.19676.

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Photos by: Petter Eriksson

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